Kopfhörer für leise Musik: worauf es bei kleiner Lautstärke ankommt
Viele Kopfhörer blühen erst bei hohem Pegel auf. Wer nach zweiundzwanzig Uhr hört, braucht das Gegenteil: ein Gerät, das schon bei Zimmerlautstärke Bassfundament und Raum stehen lässt.
Kopfhörer werden fast immer laut vorgeführt. Im Laden hängt der Pegel so hoch, dass jede Bühne aufgeht und jeder Bass Substanz bekommt, und genau dieser Eindruck entscheidet dann über den Kauf. Zu Hause, um halb elf, mit schlafendem Rest der Wohnung, gelten andere Regeln. Da läuft die Musik zwei bis drei Stufen leiser, und plötzlich klingt derselbe Kopfhörer flach, schmal und seltsam uninteressant. Das liegt selten am Gerät allein. Es liegt daran, dass sich das Gehör bei kleiner Lautstärke anders verhält, und daran, dass die wenigsten Kopfhörer für diesen Bereich abgestimmt sind.
Warum leise Musik dünner klingt
Das menschliche Ohr ist kein linearer Messwandler. Seine Empfindlichkeit hängt von der Tonhöhe ab, und diese Abhängigkeit ändert sich mit dem Pegel. Die Kurven gleicher Lautstärke, seit Jahrzehnten in der Norm ISO 226 festgehalten, zeigen es deutlich: Am empfindlichsten sind wir zwischen zwei und fünf Kilohertz, also dort, wo Sprache ihre Verständlichkeit hat. Nach unten hin fällt die Empfindlichkeit steil ab, und je leiser es wird, desto steiler. Ein Ton bei 50 Hertz muss bei geringer Lautstärke deutlich mehr Schalldruck liefern als ein Ton bei 1000 Hertz, damit beide gleich laut wirken.
Praktisch heisst das: Wer den Pegel um zwanzig Dezibel senkt, verliert nicht überall gleich viel. Der Bass verschwindet zuerst, die obersten Höhen folgen, die Mitten bleiben. Übrig bleibt ein Klangbild, das nach Küchenradio klingt. Die Loudness-Taste an den Verstärkern der siebziger Jahre war die Antwort darauf, eine pegelabhängige Anhebung unten und oben. Sie ist aus der Mode gekommen, das Problem nicht.
Wirkungsgrad zählt mehr als Impedanz
Im Datenblatt stehen zwei Zahlen, die hier zusammengehören. Die Impedanz in Ohm sagt, wie viel Widerstand die Schwingspule dem Verstärker entgegensetzt: 32 Ohm bei den meisten mobilen Modellen, 250 oder 300 Ohm bei den klassischen Studiobügeln, 600 Ohm bei einigen Sonderausführungen. Der Kennschalldruck, meist als Dezibel je Milliwatt oder je Volt angegeben, sagt, wie laut der Kopfhörer bei einer bestimmten zugeführten Leistung spielt. Übliche Werte liegen zwischen 95 und 110 Dezibel.
Für leises Hören ist die zweite Zahl die wichtigere. Ein empfindlicher Kopfhörer erreicht Zimmerlautstärke schon im untersten Viertel des Reglers, und genau dort arbeiten viele Ausgänge am schlechtesten: Das Rauschen bleibt konstant, die Musik wird leiser, der Abstand schrumpft. Ein zischendes Grundrauschen, das man bei hohem Pegel nie bemerkt, sitzt in einer stillen Wohnung mitten im Bild. Ein Kopfhörer mit hoher Impedanz und mittlerem Wirkungsgrad hat dieses Problem seltener, verlangt dafür aber Spannung, die ein dünner Telefonausgang nicht immer liefert. Wann sich dafür ein eigenes Zwischenglied zwischen Quelle und Kopfhörer lohnt, haben wir gesondert aufgeschrieben.
Stöpseln Sie den Kopfhörer an, öffnen Sie eine Datei mit zwei Sekunden Stille am Anfang und drehen Sie auf Ihre normale Abendlautstärke. Was Sie in dieser Stille hören, hören Sie den ganzen Abend mit. Ein leises Zischen ist bei hohem Pegel unhörbar und bei kleinem Pegel der Grund, warum man immer wieder nachregelt.
Offen, halboffen, geschlossen
Die Bauform entscheidet über zwei Dinge: wie viel von aussen hereinkommt und wie viel nach aussen dringt. Offene Kopfhörer haben ein durchlässiges Gitter hinter dem Treiber, dadurch entsteht ein weiteres, weniger eingesperrtes Klangbild, und der Bass fällt nach unten hin sanft ab statt in der Kammer zu stauen. Der Preis ist völlige Durchlässigkeit in beide Richtungen. In einer stillen Wohnung ist das ideal, im Zug unbrauchbar.
Geschlossene Modelle dämmen passiv um die zehn bis fünfzehn Dezibel, im Hochtonbereich mehr als im Bass. Für das leise Hören ist das ein echtes Argument: Wer den Kühlschrank, die Strasse und die Lüftung nicht mithört, kommt mit weniger Pegel aus und hört trotzdem mehr Details. Aktive Geräuschminderung geht noch weiter, arbeitet aber vor allem unterhalb von etwa tausend Hertz und erzeugt bei manchen Menschen ein Druckgefühl, das nach einer halben Stunde stört. Wer abends ohnehin niemanden neben sich hat, fährt mit offener oder halboffener Bauart meistens besser.
Ein guter Kopfhörer für die Nacht ist nicht der lauteste, sondern der, bei dem man nicht mehr nachregeln möchte.
Die Abstimmung: ein Buckel unten hilft
Weil das Gehör bei kleinem Pegel unten Empfindlichkeit verliert, kommen Kopfhörer mit leicht angehobenem Grundton und Oberbass beim leisen Hören besser weg als solche mit schnurgerader Abstimmung. Zwei bis vier Dezibel mehr unterhalb von etwa hundertfünfzig Hertz reichen, und sie fallen bei höherem Pegel kaum unangenehm auf. Umgekehrt gilt: Eine ausgeprägte Spitze zwischen sechs und neun Kilohertz, die bei lauter Musik als Präsenz durchgeht, wirkt in der Stille wie ein Zischeln auf jedem gesungenen S.
Genau deshalb bewähren sich für den Abend oft Modelle, die im Test als leicht dunkel oder zurückhaltend beschrieben werden. Sie klingen bei zwei Uhr nachmittags langweilig und um halb zwölf richtig. Wer Musik mit gedämpften Klangfarben und weiten Hallräumen hört, wie sie in unserer Sortierung der Merkmale, die beim Einschlafen tragen, beschrieben ist, merkt den Unterschied sofort.
Der Sitz macht den halben Bass
Kein Bauteil verändert den Klang so stark und so unbemerkt wie das Ohrpolster. Es stellt die Abdichtung zum Kopf her, und jede Undichtigkeit kostet Tiefton. Ein Brillenbügel unter der Dichtfläche, ein hartes, ausgesessenes Kunstlederpolster, ein zu weit eingestellter Bügel: Jedes für sich nimmt spürbar Fundament weg, und zwar genau in dem Bereich, der beim leisen Hören ohnehin am schwächsten dasteht. Velours atmet besser und trägt sich über Stunden angenehmer, dichtet aber etwas schlechter ab als glattes Leder.
- Polster einmal jährlich prüfen, sie härten aus und verlieren Höhe.
- Bügel so einstellen, dass die Muschel das Ohr vollständig umschliesst, nicht darauf drückt.
- Beim Probehören leise beginnen, nicht laut, und erst danach aufdrehen.
- Denselben Titel an derselben Stelle vergleichen, am besten eine Aufnahme mit tiefem Streichbass.
- Nach zwanzig Minuten prüfen, ob man unbewusst nachgeregelt hat.
Was ohne Neukauf hilft
Bevor man ein Gerät ersetzt, lohnen drei Eingriffe. Erstens eine milde Klangregelung: eine Anhebung von drei Dezibel bei achtzig Hertz mit flacher Güte bringt genau das zurück, was das Ohr bei kleinem Pegel verliert, ohne die Mitten zu vernebeln. Zweitens die Umgebung: Ein leiser Lüfter, ein Kühlschrank oder eine Strasse setzen eine Grundschwelle, unter die man nicht kommt, und drängen einen zu mehr Pegel als nötig. Drittens der Zeitpunkt: Ohren, die den ganzen Tag Verkehr und Grossraumbüro gehört haben, brauchen eine halbe Stunde, bevor sie leise Musik wieder auflösen.
Und schliesslich gibt es den Fall, in dem der Kopfhörer gar nicht das Mittel der Wahl ist. Wer allein wohnt oder gut gedämmt sitzt, hört über zwei kleine Lautsprecher entspannter, weil das Klangbild vor einem steht statt im Kopf. Wo dabei die Grenze zum Nachbarn verläuft und warum ausgerechnet die tiefen Töne durch die Wand gehen, steht in unserem Beitrag über leises Hören im Mehrfamilienhaus.
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