Raumakustik ohne Umbau: was Vorhänge und Regale leisten
Bevor man Absorber an die Wand schraubt, lohnt der Blick auf das, was ohnehin im Zimmer steht. Textilien, Bücher und ein verschobener Sessel verändern den Nachhall hörbar.
Zwischen dem Lautsprecher und dem Ohr liegen drei, vier Meter Wohnung, und diese Wohnung redet mit. Was am Hörplatz ankommt, ist nur zu einem kleineren Teil der Direktschall; der grössere Teil hat vorher Wände, Decke, Boden, Schrankfronten und Fensterscheiben berührt. Deshalb klingt derselbe Lautsprecher in zwei Zimmern verschieden, und deshalb bringt ein Nachmittag mit Vorhang, Teppich und Zollstock oft mehr als ein neues Gerät. Der Umbau kann warten.
Nachhallzeit, übersetzt in Wohnzimmer
Die Grösse, um die es geht, heisst Nachhallzeit: die Zeit, in der ein abgeschalteter Klang um sechzig Dezibel abfällt. Wallace Sabine hat dafür vor über hundert Jahren eine einfache Beziehung gefunden, die bis heute für die grobe Abschätzung reicht. Sie sagt, dass die Nachhallzeit mit dem Raumvolumen wächst und mit der absorbierenden Fläche fällt. Ein leeres Zimmer von fünfundzwanzig Quadratmetern und zweieinhalb Metern Höhe, also gut zweiundsechzig Kubikmetern, kommt leicht über eine Sekunde. Möbliert, mit Sofa, Teppich, Vorhängen und Regalen, landet dasselbe Zimmer bei vier bis sechs Zehntelsekunden, und das ist ungefähr der Bereich, in dem Musik zu Hause gut steht.
Man braucht dafür kein Messgerät. Stellen Sie sich in die Mitte des Zimmers und klatschen Sie einmal kräftig. Hören Sie ein trockenes Klack, ist der Raum bedämpft. Hören Sie ein helles Nachklingen, das noch eine Weile zwischen zwei Wänden hin und her springt, arbeitet der Raum gegen jede Aufnahme, die Sie ihm vorspielen. Dieses Springen heisst Flatterecho und entsteht immer zwischen zwei glatten, parallelen Flächen.
Was ein Vorhang wirklich schluckt
Textil absorbiert, aber nicht überall gleich. Entscheidend sind drei Dinge: das Flächengewicht des Stoffs, der Faltenanteil und der Abstand zur Wand. Eine dünne Gardine mit hundert Gramm je Quadratmeter, flach an die Scheibe gelegt, nimmt praktisch nur oberhalb von zwei Kilohertz etwas weg. Ein schwerer Woll- oder Samtvorhang ab dreihundert Gramm, in doppelter Breite gerafft und mit zehn Zentimetern Abstand vor der Wand aufgehängt, arbeitet dagegen bis in den Bereich um fünfhundert Hertz hinunter, also dort, wo Stimmen und Streicher ihr Fundament haben.
Der Grund für den Abstand ist einfach: Ein poröser Absorber wirkt dort, wo die Luft sich bewegt, und die Luftbewegung ist an einer harten Wand null. Wer denselben Stoff zehn Zentimeter davor hängt, verschiebt ihn in einen Bereich, in dem die Luft schwingt. Genau deshalb bringt ein Vorhang vor einer Wand oft mehr als derselbe Vorhang direkt am Glas.
Setzen Sie sich auf den Hörplatz und lassen Sie jemanden einen Handspiegel flach an die Seitenwand halten. Überall dort, wo Sie im Spiegel einen Lautsprecher sehen, liegt eine Erstreflexion. Diese wenigen Stellen sind die einzigen, an denen ein Bild, ein Vorhang oder ein Regal akustisch wirklich etwas ändert.
Bücher zerstreuen, sie schlucken nicht
Eine volle Bücherwand ist das nützlichste Möbelstück im Raum, aber nicht aus dem Grund, den man vermutet. Bücher absorbieren wenig. Sie zerstreuen, weil ihre Rücken unterschiedlich tief stehen und unterschiedlich hart sind. Aus einer glatten Reflexion, die als deutliches Echo zurückkommt, wird ein Fächer schwacher Reflexionen aus vielen Richtungen. Das Ohr liest so etwas als Räumlichkeit statt als Störung.
Verstärken lässt sich der Effekt in einer Minute: Ziehen Sie einzelne Bücher zwei bis fünf Zentimeter vor, unregelmässig über das Regal verteilt. Ein bündig ausgerichtetes Regal ist optisch schön und akustisch eine glatte Wand. Zusätzlich lohnt es, das Regal an die Wand hinter dem Hörplatz zu stellen, wo die späten Reflexionen entstehen, und die Seitenwände den Textilien zu überlassen.
Der Raum ist das einzige Bauteil der Kette, das man nicht austauschen kann. Also verhandelt man mit ihm.
Teppich, Sofa und die Grenze der Hausmittel
Ein Teppich zwischen Hörplatz und Lautsprechern nimmt die Bodenreflexion weg, und das hört man sofort als saubereren Mittelton. Wie der Vorhang arbeitet er allerdings vor allem oberhalb von etwa fünfhundert Hertz. Damit sind wir bei der Grenze: Für tiefe Töne sind Hausmittel zu dünn. Ein poröser Absorber wirkt erst ab der Frequenz, bei der seine Dicke ungefähr einem Viertel der Wellenlänge entspricht. Bei zehn Zentimetern Dicke sind das rund achthundert Hertz, bei zwanzig Zentimetern rund vierhundert. Alles darunter verlangt Volumen, das in einem Wohnzimmer niemand aufstellen will.
Der Bass wird deshalb nicht mit Material bearbeitet, sondern mit Geometrie. Raummoden, also stehende Wellen zwischen gegenüberliegenden Wänden, liegen bei einer Raumlänge von vier Metern schon bei etwa dreiundvierzig Hertz und dann in ganzzahligen Vielfachen darüber. Wer den Hörplatz oder den Lautsprecher um vierzig Zentimeter verschiebt, ändert seine Lage in diesem Wellenfeld und damit den gehörten Bass erheblich. Wie man das systematisch angeht, steht in unserem Beitrag über Lautsprecher im kleinen Zimmer.
- Klatschtest in der Raummitte, vor und nach jeder Änderung.
- Schwerer Vorhang mit zehn Zentimetern Wandabstand statt flach am Glas.
- Erstreflexionspunkte mit dem Spiegel bestimmen und nur dort etwas anbringen.
- Bücher unregelmässig vorziehen, statt das Regal bündig auszurichten.
- Teppich zwischen Sitzplatz und Lautsprechern, nicht darunter.
- Hörplatz nie direkt an die Rückwand, mindestens fünfzig Zentimeter davor.
Ein Zimmer, das für Musik gemeint ist
All diese Eingriffe wirken am stärksten, wenn es einen festen Platz gibt, für den man sie macht. Wer jeden Abend woanders sitzt, optimiert ins Leere. Wie man einen solchen Platz einrichtet, mit welcher Geometrie und mit welcher Ablagefläche daneben, beschreiben wir in unserem Text über die Hörecke. Und weil ein bedämpftes Zimmer nicht nur besser klingt, sondern auch weniger nach draussen abgibt, hat die Arbeit eine zweite Wirkung, über die wir im Beitrag zu leisem Hören im Mehrfamilienhaus schreiben.
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