Chillout-Radio: Sender, die eine ganze Nacht tragen
Ein durchlaufendes Programm nimmt einem die Entscheidung ab. Das ist sein grösster Vorteil und zugleich der Grund, warum die Auswahl des Senders so viel Gewicht hat.
Es gibt einen Zustand, den jeder kennt, der abends Musik hören will: Man scrollt. Zwanzig Millionen Titel liegen bereit, jede Wiedergabeliste verspricht genau die richtige Stimmung, und nach zehn Minuten hat man vier Anfänge gehört und nichts zu Ende. Ein laufender Sender löst dieses Problem auf die einzige Weise, die zuverlässig funktioniert: Er nimmt einem die Entscheidung ab. Dafür muss man ihm allerdings eine einzige Entscheidung überlassen, und deshalb lohnt es sich, bei der Wahl genauer hinzusehen.
Was ein Programm kann, was eine Wiedergabeliste nicht kann
Eine Wiedergabeliste ist ein Behälter. Ein Programm ist eine Bewegung. Der Unterschied zeigt sich nach der zweiten Stunde: Eine Liste bleibt, wo sie war, ein gut gebautes Programm verändert sich mit der Uhrzeit, wird nach Mitternacht ruhiger, lässt längere Stücke zu, nimmt gegen vier Uhr das Tempo weiter zurück. Dazu kommt der Zufall. Wer selbst auswählt, wählt das Bekannte. Ein Sender legt einem Stücke vor, die man nie gesucht hätte, und einige davon bleiben.
Der dritte Punkt ist der Pegel. Eine Redaktion, die ihr Programm ernst nimmt, gleicht die Lautheit der Titel aneinander an, sodass kein Stück aus der Reihe springt. Wer selbst zusammenstellt, hat diese Arbeit nicht gemacht, und genau deshalb bricht die eigene Abendliste an der Stelle, an der eine lauter gemasterte Aufnahme folgt. Warum Dienste dafür eine Normalisierung eingebaut haben und was sie taugt, steht in unserem Beitrag über das, was beim Streamen tatsächlich im Ohr ankommt.
Automat oder Mensch
Chillout-Sender lassen sich grob in zwei Familien teilen. Die eine arbeitet vollautomatisch: Eine Rotation zieht Titel aus einer Datenbank, sortiert nach Kategorien und mit Regeln versehen, damit kein Interpret zweimal in einer Stunde vorkommt. Solche Sender laufen ohne Bruch, klingen aber nach zwei Stunden vorhersehbar, weil die Datenbank endlich ist und die Regeln immer dieselben.
Die andere Familie hat eine Redaktion. Der amerikanische Sender SomaFM sendet seit dem Jahr 2000 aus San Francisco und finanziert seine Kanäle über Spenden statt über Werbung; Groove Salad steht dort für den geschmeidigen Downtempo-Faden, Drone Zone für lange Flächen ohne Puls. Radio Paradise aus Kalifornien betreibt neben dem Hauptprogramm einen ausdrücklich ruhigen Mellow Mix und bietet den Strom auch verlustfrei an. In Frankreich läuft FIP seit den siebziger Jahren mit einer Auswahl, die zwischen Jazz, Elektronik und Weltmusik springt, ohne Werbung und mit sehr wenig Wortbeitrag. In Hamburg sendet ByteFM seit 2008 hörerfinanziert, in London NTS Radio seit 2011 mit einem Raster aus einzelnen Sendungen. Diese Sender klingen nach jemandem. Das ist ihr ganzer Vorzug.
Beurteilen Sie einen Sender nie nach dem ersten Titel. Lassen Sie ihn an einem Abend drei Stunden laufen und merken Sie sich nur eines: wie oft Sie zur Fernbedienung gegriffen haben. Alles unter zweimal ist ein guter Sender, alles über fünfmal eine falsche Wahl.
Die Merkmale, die eine ganze Nacht tragen
Ob ein Programm Stunden trägt, hängt an wenigen, gut prüfbaren Dingen. Erstens die Unterbrechungen: Nachrichten zur vollen Stunde und Werbeblöcke reissen jede Abendstimmung auf, und zwar zuverlässig genau dann, wenn sie gerade entstanden ist. Zweitens die Übergänge: Werden Titel hart aneinandergesetzt oder ineinander geblendet? Drittens die Länge der Stücke: Ein Sender, der Sieben-Minuten-Fassungen zulässt, atmet anders als einer, der bei drei Minuten schneidet. Viertens die Bandbreite der Stimmung: Ein einziger aufgeweckter Titel in der Stunde reicht, um eine Nacht zu kippen.
- Keine Werbeblöcke, oder wenigstens keine zwischen 22 und 6 Uhr.
- Keine Nachrichten mit anderer Lautheit als das Musikprogramm.
- Übergänge mit Blende, keine harten Schnitte auf Stille.
- Sichtbare Titelanzeige, damit man Gefundenes wiederfindet.
- Ein Kanal, der ausdrücklich für die späten Stunden gebaut ist.
Technik: Bitrate, Puffer und der Abbruch um halb zwei
Die meisten Internetsender liefern zwischen 96 und 192 Kilobit je Sekunde. Bei modernen Verfahren wie AAC oder Opus reichen 96 Kilobit für ruhige Musik erstaunlich weit; erst bei Becken, Streichersätzen und langen Hallfahnen hört man, dass etwas fehlt, meist als leichtes Schmieren in den Höhen. Ein Strom mit 128 Kilobit im alten MP3-Verfahren klingt dagegen oft schlechter als 96 Kilobit im neuen. Wer verlustfreie Ströme angeboten bekommt, braucht dafür ungefähr das Zehnfache an Bandbreite.
Der zweite technische Punkt ist der Puffer. Zwischen Sender und Gerät liegen einige Sekunden Zwischenspeicher, meist zehn bis dreissig. Bricht die Verbindung, verbinden sich gute Geräte selbsttätig neu, schlechte bleiben still, und man wacht um halb zwei in völliger Stille auf. Ein Gerät mit stabiler Wiederverbindung und einem Ausschaltzeitgeber ist deshalb für den Abend mehr wert als jede Klangschönheit. Welche Bauformen das leisten, steht in unserem Text über das Kästchen, das nur eine Sache tut.
Der beste Sender ist der, bei dem man nach zwei Stunden vergessen hat, dass man ihn ausgewählt hat.
Wenn der Abend eine Richtung bekommen soll
Chillout-Kanäle sind Übergangsmusik, und sie funktionieren am besten in der Stunde nach der Arbeit. Wer diesen Ton mag, findet seine Herkunft in den Bars und Hotels der neunziger Jahre wieder; wie diese Musik gebaut ist und was von ihr in einer Wohnung bleibt, beschreibt unser Beitrag über die Stunde zwischen Arbeit und Nacht. Für die Zeit danach, wenn es wirklich still werden soll, wechselt man besser das Fach: Die Nachtstrecken der Kulturwellen lassen längere Stücke zu und verzichten auf jede Aufforderung.
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